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Traube Tonbach

Es war in den 80er Jahren des alten Jahrhunderts, als ich meine Eltern und meinen kleinen Bruder nach Baiersbronn, in den geliebten Schwarzwald brachte. Sie wohnten in einer Ferienwohnung und ich blieb noch ein paar Tage da, um mit Vater wandern zu gehen. So standen wir an einem späten Nachmittag in klobigen Wanderstiefeln und Wanderhemd, Baumharz an der Oberstdorfer Hirschlederhose, vor der Traube Tonbach und überlegten, ob wir in dieser Kluft das vornehme Haus betreten sollten, um unseren Durst zu stillen. Der letztendlich den Ausschlag gab. Aber Selbstbewusstsein, das zu tun, hatten wir sowieso genug. Es wäre aber weit gefehlt, zu glauben, wir wären von den vornehmen Bediensteten wegen vielleicht nicht standesgemäßer Kleidung naserümpfend betrachtet worden. Das Gegenteil war der Fall, wir als zünftige Wanderer waren hochwillkommen als standesgemäßer Lokalkolorit für die Schwarzwaldstube und fühlten uns regelrecht hofiert. Damals hatte ich gerade den Unterschied zwischen Gourmet und Gourmand verinnerlicht.

Ich erinnere mich noch an eine kleine Episode, die ich hier gerne preisgebe. Am Nachbartisch war kurz nach uns ein Pärchen eingetroffen, von dem wir erkennen konnten, dass der junge Herr stark auf Freiersfüßen war. Er umgarnte seine Begleiterin mit Sekt und stieß damit mit ihr an. Worauf ich mich nicht zurückhalten konnte, zu meinem Vater zu sagen: "Mit Sekt stößt man nicht an". Leider etwas zu laut, wobei das Selbstvertrauen des potenziellen Eroberers standepede sichtbar schwand und scheinbar ein Schrumpfvorgang eintrat. Hinterher habe ich selbst mit mir gehadert, weil ich vielleicht die Chancen des jungen Mannes auf schnellen Erfolg gemindert habe. Hatte das dann aber verdrängt, bis es mir wieder einfiel, als ich im TV viele Jahre später sah, wie Angela Merkel auf einem Empfang ebenfalls mit einem Sektglas anstieß. Jetzt, im Jahr 2022 wundert mich das nicht mehr.

Unter einem ganz anderen Vorzeichen kam ich vierzig Jahre später wieder. Auf dem Rücksitz unseres Silbergrauen saß unser Freund Ibrahim aus Kuwait mit seiner Frau. Sie hatten mal wieder in Baden Baden Quartier. Wir fuhren über die B500, bekannt als Schwarzwaldhochstraße und ich zeigte ihnen Sasbachwalden und die Weinberge, Schloss Staufenberg in Durbach, das Hotel Bareiss und den Mummelsee, bevor wir vor der Schwarzwaldstube landeten.

Unsere Kuwaitis waren beeindruckt. Baden-Baden ist ja schön und gut und geeignet für Shopping, aber der Schwarzwald ist Baden-Baden nicht.  Dem Hotelpersonal war es eine große Ehre, dem pensionierten Diplomaten aus Kuwait das Hotel zu zeigen.

Mit uns finanziell minderbemittelten Begleitpersonen. Auch von dem Hotel zeigten sich Asya und Ibrahim angetan. Kann man auch sein, wenn man ganze Wohnungen im Schwarzwaldstil mit Waldblick innerhalb des Hauses mit angrenzendem großen Hallenbad sieht. Die junge Hoteldame zeigte sich ebenfalls beeindruckt, als ich ihr erzählte, dass unsere Freunde den Einmarsch und die kurzfristige irakische Okkupation nur lebend überstanden hatten, weil sie sich vorher neue Ausweisdokumente besorgt hatten, die sie nicht mehr als kuwaitische Regierungsmitglieder auswiesen. Ein Freund, der das nicht getan hatte, wurde gemeuchelt.

Jetzt möchte ich aber zu dem Anlass kommen, weswegen ich diesen Beitrag hauptsächlich verfasse. Es ist ja bekannt, dass die Schwarzwaldstuben infolge eines technischen Defektes im Januar 2020 vollständig ausgebrannt sind.

Jakob Strobel Y Serra, Starreporter der FAZ, hat über die Wiedereröffnung berichtet. Seine Berichte schätze ich sehr. Den Link zu dem Bericht will ich mir hier sparen, man braucht ein Abo, um den Beitrag lesen zu dürfen.

Ein Auszug:

Entstanden ist exakt an der alten Stelle ein dreiteiliges Gebäude, das den Spagat vollbringt, weder eine Replik noch ein Fremdkörper, weder geschichtsvergessen noch nostalgisch und trotzdem originär und eigenständig zu sein. Trotz aller Rücksichtnahme auf das Schwarzwälder Straßendorf Tonbach vermeidet das neue Haus jede Form von Folk­lorismus zugunsten eines ästhetischen Minimalismus, und zwar so kategorisch, dass die „Schwarzwaldstube“ mit ein wenig Vorstellungskraft auch auf der Spitze eines New Yorker Wolkenkratzers thronen könnte: Kein Plüsch, kein Schnitzbarock, kein Kuckucksuhrenkitsch überlagern die schöne Schlichtheit des Raumes, der sich jetzt mit einer riesigen Fensterfront zum Tonbachtal öffnet und mit seinem acht Meter hohen, offenen Gebälk den alten Schwarzwaldscheunen die Honneurs macht. Allein die Farben, dezentes Beige, Weiß und Grau, erinnern an die untergegangene „Schwarzwaldstube“ – dank eines glücklichen Zufalls, denn während des Brandes war fast die gesamte Tischwäsche in der Wäscherei und wurde für das neue Haus komplett wiederverwendet.

Da muss ich leider sagen, mit diesem Inhalt überhaupt nicht einverstanden zu sein. Mit Verlaub, der "ästhetische Minimalismus" kann mir gestohlen bleiben. Wer nach New York will, kann meinetwegen dahin fliegen. Das hat meines Erachtens im Schwarzwald überhaupt nichts zu suchen. Und Kantinenatmosphäre , wie es in einem Leserbrief steht, mag ich noch nicht einmal in einer Kantine.Martin Schneider schreibt am

14.04.2022 - 17:49

Vor allem der Essbereich schaut aus, wie in einer x-beliebigen Kantine. Nichts, wofür es sich lohnen würde hinzugehen. Da waren die Stuben vor dem Brand doch deutlich rustikaler.

Den Begriff "Kuckucksuhrenkitsch" finde ich schon etwas grenzwertig. Bleibt abzuwarten, ob die Finkbeiners mit diesem neuen Ambiente reüssieren werden.

Ich finde, wer Urlaub im Schwarzwald macht, will Schwarzwald pur, nicht irgendeine modernistische Umgebung, die in ein paar Jahren wieder überholt ist, weil kein Mensch hingeht.

Jetzt drängt sich mir beinahe die Vermutung auf, dass Herr Jakob Strobel Y Serra auch mit dem Sektglas anstößt.

Heinz Elflein

17.04.2022